Medien als Erfahrungsgüter

Unter einem Erfahrungsgut versteht man in den Wirtschaftswissenschaften ein „Gut, dessen Qualität ein Haushalt erst nach vollzogenem Konsum feststellen kann. Der Konsum von Erfahrungsgütern zieht Lerneffekte nach sich, die das Nachfrageverhalten zukünftiger Perioden beeinflussen.“ (Wirtschaftslexikon)

Medien zählen ganz offensichtlich zu den Erfahrungsgütern. Wenn diese Einschätzung stimmt, dann stellt sich auch bei Lehrern erst dann ein Lerneffekt ein, wenn sie mit Medien konkrete Erfahrungen im Unterricht gemacht haben. Wenn dies so zutrifft, findet man hier die Erklärung mancher Schwierigkeiten bei der Implementierung von Medienarbeit und Medienbildung.

Rückblick auf das Jahr 1978: Die Rolle der Medien beim Sturz des Schahs

Modernisten-Feinde nutzen moderne Massenpropaganda (DER SPIEGEL 50/1978)

Denn die meisten Iraner haben sich ihren Willen über ihn längst gebildet und machen ihn für alle Fehler seines Regimes persönlich verantwortlich: für die Korruption der Beamten und die Folter-Verhöre der Geheimpolizei Savak, für Arbeitslosigkeit und Vernachlässigung der Landwirtschaft, die dazu führte, daß der einstige Selbstversorger Iran heute 20 Prozent seines Bedarfs importieren muß, und schließlich für die Menschen, die das Jahr über im Feuer der Soldaten starben.

Was den Aufstand gegen den Schah aber so einmalig macht, ist die Kraft, die ihn auslöste: Es war islamische Rechtgläubigkeit, die wohl seltsamste revolutionäre Speerspitze der Geschichte, die Schah-Feinde der verschiedensten politischen Lager zum Kampf gegen das Regime integrierte — die Geschäftsleute in den Basaren, die liberale Intelligenz, die Arbeiter auf den Ölfeldern.

In religiösem Eifer predigten die 180 000 Mullahs im Lande gegen den Schah — und dann noch ein alter Mann mit Bart und Turban. der rund 4500 Kilometer von Teheran entfernt im Pariser Vorort Neauphle-le-Château im Exil lebt: Ajatollah Chomeini, 78, rief zum „Jihad“, zum heiligen Krieg, der nach Moslem-Überzeugung jedem, der darin umkommt, die sofortige Aufnahme ins Paradies sichert.

Die Tonbandaufnahmen mit seinen stets neuesten Reden gegen den Schah dröhnen aus den Minarett-Lautsprechern vieler der 80 000 persischen Moscheen und geben dem Aufstand etwas Absurdes:

Mit Mitteln moderner Massenpropaganda haben religiöse Modernisten-Feinde die vor Jahresfrist noch ungebrochene Autokratie eines der großmachtsüchtigsten Herrscher der Erde ins Wanken gebracht und sein von Amerika zur stärksten Militärmacht in Nah- und Mittelost hochgerüstetes Reich zu einem weltpolitischen Risikofaktor ersten Grades werden lassen.

Darwin-Jahr: Stammbaum oder Busch, Netz, Koralle?

Der Stammbaum – eine in Adelskreisen übliche Darstellung der Verwandschaftsbeziehungen – hat sich als scheinbar intuitiv verständliches Bild für den Ablauf der Evolution etabliert. Welche Botschaften diese Form der Visualisierung transportiert, zeigt sich z. B. an der von Ernst Haeckel (1874) gewählten Darstellungsform.

Sein Stammbaum ist deutlich als Eiche zu erkennen, an deren breitem Fuß „befinden sich Amöben und einfachste Urlebewesen. Über Würmer, Fische und Amphibien strebt der Stamm in die Höhe zu den Säugetieren, bis nach ganz oben in den Baumwipfel zum Menschen als Krone der Schöpfung.“ (Rögener 2009)

In dieser Darstellung wird aus der „Evolutionsgeschichte eine Fortschrittsgeschichte von aufsteigender Stufenfolge. Aus naturwissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Grund die Säugetiere und den Mensch als Höhe- und Endpunkt der Evolution zu sehen, sind doch Insektenarten durchaus erfolgreicher.

Für Darwin hatte die Evolution kein Ziel: „Darwin selbst verglich die Abfolge der Arten mal mit einem Baum, mal mit einer Koralle. Andere Forscher favorisierten Netze, Flüsse, kreisförmige Diagramme oder waagerecht verzweigte Strichzeichnungen.“

Neben dem immer noch populären „Stammbaum“ gibt es eine Reihe anderer Darstellungsformen für den Verlauf der Evolution, z. B. kreisförmige Darstellungen, bei denen es keine Rangordnung von unten nach oben, sondern nur ein Auseinanderstreben und Verzweigen der Arten gibt. Auch für den „horizontalen Gentransfer der Bakterien“ passt das Denkmuster vom „Baum der Evolution“ nicht.

Rögener, Wiebke: Der Stammbaum war einmal – sueddeutsche.de 22.06.2009

http://www.sueddeutsche.de/wissen/365/472885/text/9/

Vgl. auch Voss, Julia: Darwins Bilder. Ansichten der Evolutionstheorie 1837 – 187, Frankfurt am Main 2007, S. 160 ff;

„Vor 100 Jahren starb Robert Koch“ – Mikroskop und Medienkompetenz

MikroskopDie Fähigkeit, sich mit Bildern aus Naturwissenschaft, Technik und Medizin analytisch und kritisch auseinandersetzen zu können, erhält zunehmend Bedeutung, da diese Bilder den Eingang in alle Bereich der öffentlichen Kommunikation finden und dort Einfluss auf politische und gesellschaftliche, aber auch individuelle Entscheidungsprozesse haben.

Dass man die Forderung nach der Fähigkeit, Bilder analytisch und kritisch lesen zu können, nicht von außen an Naturwissenschaft, Technik und Medizin heranträgt, sonder sich dabei auf den fachinternen Diskurs beziehen kann – und muss, lässt sich exemplarisch an den Texten Robert Kochs, dem Begründer der Bakteriologie und späteren Nobelpreisträger, aufzeigen.

Mehr hierzu: Robert Koch, die Begründung der Bakteriologie und die Anforderungen an Medienkompetenz – Ein Plädoyer für die Ausweitung der Medienanalyse und Medienkritik auf Naturwissenschaften, Medizin und Technik

Warum uns Bücher den Rücken zukehren

„Ein klassisches Gedicht kommt auf Versfüßen einher, einen amtlichen Brief schreiben wir auf einem Kopfbogen, wissenschaftliche Abhandlungen haben Kapitel ( von caput-Kopf) und stützen sich auf Fußnoten. Sobald wir die Kommunikation mit einem Buch beenden und es wieder ins Regal stellen, kehrt es uns auch seinerseits den Rücken zu. Die toten Metaphern des Buchwesens erinnern an die physiologische Verbindung von Körper und Stimme, verweisen darauf, daß sich die alten und die neuen Medien der Kommunikation nicht als bloße Alternativen zueinander verhalten, sondern dem Gesetz der wechselseitigen Assimilation und Nachahmung unterliegen…“
(Horst Wenzel: Hören und Sehen. Schrift und Bild. Kultur und Gedächtnis im Mittelalter, München1995, S. 9)