1952: Das Fernsehen, Amerikas gefährlichster Hausgenosse kommt zu uns!

Das Fernsehen – ein Hausgenosse, der das Familienleben auf dämonische Art verwandelt und beherrscht: Vor drei Jahren erzeugte das Fernsehen den üblichen Premierenrummel, dann wurde es zum Fimmel, von dem man annahm, er ginge rasch vorüber. Jetzt ist das Fernsehen ein Problem geworden. Nicht nur, dass sich Staatsakte und Fußballspiele nach den Fernseh-Zeiten zu richten haben, nicht nur, dass das Fernsehen große technische und wirtschaftliche Umwandlungen gebracht hat – man denke nur an die Krise von Hollywood – , es ist heute für Millionen von amerikanischen Familien zu einem Hausgenossen geworden, der das Familienleben auf dämonische Art verwandelt und beherrscht. Wird es auch bei uns so werden, wenn im Herbst in Deutschland die Bilder „rieseln“, wenn die Serienherstellung den Empfängerpreis verbilligt?

Das Fernsehen diktiert: das Wohnzimmer wird zum Kino! Von jedem Stuhl aus muss man gute Sicht auf den Empfangsschirm haben. Wer sich vor den Bildschirm wagt, wird angeschrieen, wie im Kino einer, der zu spät kommt. So stark hat seit Beginn des Fernsehens das Filminterinteresse nachgelassen, dass schon 3000 Kinos in den USA schließen mussten.

das-fernsehen-diktiert1Der Fernsehapparat herrscht. Wer den Charakter des Wohnraums erhalten will, kommt doch nur zu einem Kompromiß: Der Fernsehapparat ist bei der hier gezeigten Lösung drehbar; er kann in jede Ecke seine Bilder schießen. Stets muss der Raum halbdunkel sein…

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Am gefährlichsten – für Kinder! Erst freuten sich die Mütter in den USA, im Fernseh­apparat einen prächtigen Ersatz für das Kinder­mädchen gefunden zu haben. Aber seither sitzen die Kinder täglich zwei, drei und vier Stunden wie hypnotisiert vor dem flimmernden Zauber­kasten: .Sportkämpfe, Tanzgirls, Burlesken, Re­klametricks, Pferderennen ziehen in nie abrei­ßender Folge vorüber. Die kleinen Zuschauer vergessen darüber zwar den Unfug, aber auch die Hausaufgaben. Besorgte Lehrer melden merk­lichen Rückgang der Leistungen im Unterricht.

Ein magischer Vorgang. Kinder ins Bett zu bringen, das ist heute nur eines der Fernseh­probleme in den USA. Noch im Halbschlaf sind die Kleinsten nicht von den zappelnden Schatten zu trennen, deren Tun und Lassen ihnen meistens unverständlich bleibt. Außerdem rutschen die Kinder immer wieder viel zu nahe an die Projektionsfläche heran. Ärzte behaupten, man könne den Kleinen höchstens eine Stunde täglich vor dem Fernsehapparat zubilligen, sonst litten die Augen sowohl wie die Nerven empfindlich.

Millionen Kinder – spielen nicht mehr. Sie beschäftigen sich nicht mehr, sie lassen sich beschäftigen! Die Phantasie verkümmert, die Entwicklung zum Charakter wird verzögert. Und viele Eltern spüren diese Erscheinung nicht, sie sind selbst fernseh-besessen.

Aus: Quick  Nr. 8/1952, S. 52

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