Ehrenrettung für einen Barockdichter und den Nürnberger Trichter

Wer den Computereinsatz in der Schule kritisiert, bemüht gerne den polemischen Vergleich mit dem Nürberger Trichter. Bei dem Gehirnforscher Manfred Spitzer klingt das so: „Glaubt man den Gurus von E-Learning, Edutainment, Computer-Literacy und Medienkompetenz, dann handelt es sich bei einem Computer um eine Art High-tech-Nürnberger Trichter, mit dem nun endlich – nach Jahrtausenden der Plage – das Lernen bei unseren Kindern wie von selbst gelingt.“ (http://www.gwg-ev.org/cms/cms.php?fileid=410)

Das geflügelte Wort „Nürnberger Trichter“ geht auf den Titel eines Poetiklehrbuchs des Nürnberger Barockdichters Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658) zurück, das unter dem Titel „Poetischer Trichter. Die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der lateinischen Sprache, in VI Stunden einzugießen“ 1647 in Nürnberg erschien.

Ein Blick in das Poetiklehrbuch selbst zeigt, dass hier keineswegs einem mechanischem „Eintrichtern“ das Wort geredet wird. Der „Trichter“ ist für Harsdörffer ein Symbol für den sorgsamen Umgang mit Zeit. Wein wachse jedes Jahr neu nach, aber trotzdem fülle man den neuen Wein durch Trichter in Flaschen und Fässer, „daß alle Tropffen davon zu Nutzen kommen: die Zeit lassen wir ohne Nutzen verfliessen und achten für nichts viel gute Stunden übel anzulegen welcher Verlust doch mit aller Welt Reichthum und Arbeit nicht widerum zuwegengebracht werden kann“. Das Erlernen der Dichtkunst ohne systematische Anweisungen käme also nach Harsdörffer dem Einfüllen von Wein ohne Trichter, also der Vergeudung von Zeit gleich.

Mit seinem „Poetischen Trichter“ verbindet Harsdörffer vor allem die – pädagogisch durchaus sympathische – Vorstellungen, dass man auch in Deutsch, also der Volkssprache, dichten kann, und das Dichten bei richtiger Anleitung erlernbar sei: „Wie nun kein Acker so schlecht und unartig zu finden den man nicht durch Fleiß und beharrliche Pflegung und Arbeit solte fruchtbar machen könen: Also ist auch keiner so unreines Hirns der nit durch Nachsinnen auf vorher erlangte Anweisung (welche gleichsam der Wuchersame ist) eine gebundene Rede oder ein Reimgedicht zusammenbringen sollte lernen können: iedoch einer viel glückseliger als der andere.“

Allerdings wird man ohne „poetischen Geist“ die „Dicht- und Reimkunst“ auch nach den sechs Lektionen nur „zur Noht und nicht vollkömmlich“ beherrschen. Also ist die „Dicht- und Reimkunst“ doch nicht nur „einzugiessen“: „Schlüßlich müssen die sechs Stunden nicht eben auf einen Tag nacheinander genommen und das Gedächtniß überhäuffet werden; sondern etwan in drey oder vier Tagen mit reiffem Nachsinnen der unbekannten Kunstwörter; nachdem man es bald oder langsam fasset und erlernet.“

Nun muss man in Harsdörffer mit seiner barocken Vorliebe für Reimschemata und Kombinatorik nicht unbedingt den direkten Vorläufer konstruktivistischer Lerntheorien oder des Methodentrainings entdecken. Mit Wilhelm Busch und dem Lehrer Lämpel hat Harsdörffers poetischer Trichter aber genauso wenig zu tun wie Medienkritik à la Spitzer mit der pädagogischen Diskussion über Medienkompetenz oder dem Einsatz der neuen Medien in der Unterrichtspraxis.

Zitate nach: Georg Philipp Harsdörfer: Poetischer Trichter – Die Teutsche Dicht- und Reimkunst/ ohne Behuf der Lateinischen Sprache/ in VI Stunden einzugiessen, Nürnberg 1648 – 1653, Georg Olms Verlag, Hildesheim u. New York 1971 (Reprografischer Nachdruck)

Abb.: Harsdörffer als poeta laureatus – http://www.deutschefotothek.de/?df_tg_0002803&sortby=aufnahmenr&sort=asc&dmode=galery

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