Fotografie im Dienste der Eugenik

In der Diskussion über das Buch „Deutschland schafft sich ab“ wird – mit Recht – der Vorwurf erhoben, Thilo Sarrazins vertrete die Ansicht, die Schichtung einer Gesellschaft  beruhe überwiegend auf der  „natürlicher biologischer Auslese“ („Welch hoffnungsloses Menschenbild!“ / „Die Gene sind schuld“).  In diesem Zusammenhang taucht der Begriff Eugenik und damit auch der Name des britischen Naturforschers und Schriftsteller Francis Galton (1822 – 1911) auf. Nach der „Enclyclopedia Britannica“ wurde der Begriff Eugenik 1884 zum ersten Mal von Galton benutzt.

Mit Hilfe der Fotografie wollte Galton gemeinsame Merkmale von Ethnien und Berufsgruppen, aber auch den Typus des Verbrechers herausarbeiten.   Er benutzte dafür sogenannte Komposit-Porträts.  Dabei wurden gleich große Porträts von Angehörigen einer Gruppe – Offiziere, Verbrecher, Verwandte – nacheinander auf dieselbe Platte aufgenommen, so dass ein „Idealportrait“ entsteht, das die Gesichtszüge aller Beteiligten vereint. Durch die Übereinanderschichtung dieser Porträts sollten sich die individuellen Besonderheiten verwischen und gemeinsame Merkmale eines „Typus“ hervortreten.
Durch die  Komposit-Portäts sollte der statistische Durchschnitt innerhalb einer Personengruppe fotografisch darstellbar werden. Galtons Ziel war es, die Reinheit der „angelsächsischen Rasse“ zu erhalten. Deshalb wollte er die Gruppen identifizieren, die seiner Ansicht nach von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden müssten, damit sie nicht weiter zur Degeneration des englischen Volkskörpers beitragen könnten.
Durch das im 19. Jahrhundert als naturwissenschaftlich exakt geltende  Medium der Fotografie  sollte über die Methode des  Komposit-Porträts nicht nur die Vererbbarkeit von kriminellen Anlagen anhand von äußerlichen Merkmalen nachgewiesen werden, sondern es ging auch um die Konstruktion von Rassenunterschieden im Sinne von Höher- bzw. Minderwertigkeit

Galton stand nicht alleine mit dem Versuch, „steng naturwissenschaftlich“ aus äußeren Mermalen auf Charaktereigenschaften und vererbte Anlagen schließen zu wollen. Zu nennen wäre unter anderem Cesare Lombroso ( 1835 bis 1909), ein italienischer Arzt und Professor für Medizin und Psychiatrie. Nach Lombroso sind bestimmte Schädelformen oder z. B. zusammengewachsene Augenbrauen ein Hinweis auf eine niedrige und gewalttätige Entwicklungsstufe, die auf tief verwurzelte Anlagen zum Verbrecher hindeutet, die auch durch die Aneignung sozialer Verhaltensweisen nicht überdeckt werden können.

Vor dem Hintergrund dieser anthroplogischen Ansätze, Menschen nach Äuerßlichkeiten zu klassifizieren, verliert auch das seit dem 18. Jahrhundert aufkommende Interesse am Zeichnen und Sammeln von Silhouetten etwas von seiner biedermeierlichen Unschuld. Das „Schnellporträt“ Silhouette wird so nicht nur als Vorläufermedium der Fotografie mediengeschichtlich interessant.

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