Foto und Film als Mess- und Registrierverfahren

So ungewöhnlich es aus der Sicht der herkömmlichen Medienpädagogik sein mag, so zutreffend ist es aus der Sicht der Naturwissenschaften, im Fotoapparat ein „Meß- und Aufzeichnungsgerät“ zu sehen: „… er registriert die Lichtstrahlen, die ein Objekt reflektiert und macht das Ergebnis dieses physikalischen Meßvorganges in ähnlicher Weise sichtbar, wie wir das reale Objekt mit unserem Auge wahrgenommen hätten. Wir können auch sagen: der Fotoapparat konserviert die Wahrnehmungs¬verhältnisse – jedenfalls einen wesentlichen Teil – einer Situation. Fotografieren ist im Kern ein Messen und Speichern wahrnehmungsrelevanter Signale der realen Umwelt.“ (BOECKMANN 1994, S. 60 f.)

Daher waren es Naturwissenschaftler, durch die die technische Weiterentwicklung der Fotografie vorangetrieben wurde. Zu diesen Naturwissenschaftlern zählt der Physiologe Marey, ein Schüler Claude Bernards. Die von Marey entwickelte Technik der fotografischen Reihenaufnahme bildete dann die technische Grundlage für die Kinematografie. Der Film selbst erschien Marey aber wissenschaftlich uninteressant, da die filmische Wiedergabe nur das realitätsgetreu zeige, was man mit den Augen direkt sehen könne. Der Zweck einer wissenschaftlichen Methode bestehe aber darin, die Unzulänglichkeit der Sinne auszugleichen und ihre Fehler zu korrigieren. …

Die Chronophotographie war aber nur eines der Mess- und Registrierverfahren, dass von Marey entwickelt wurde. Aus seinem wissenschaftlichen Interesse heraus, die Grenzen der „mangelhaften Sinneswahrnehmungen“ zu überschreiten, entwickelte er verschiedene Mess- und Registrierverfahren, u. a. Puls- und Herzschreiber, die mit einem Schreibstift und gleichmäßig bewegter Papierwalze arbeiteten. In diesen Maschinen zum Sammeln wissenschaftlicher Daten sah Marey neue Sinnesorgane: „Diese Apparate sind nicht allein dazu bestimmt, den Beobachter manchmal zu ersetzen und ihre Aufgaben in diesen Fällen mit unbestreitbarer Überlegenheit zu erfüllen; sie haben darüber hinaus auch ihre ganz eigene Domäne, wo niemand sie ersetzen kann. Wenn das Auge aufhört zu sehen, das Ohr zu hören und der Tastsinn zu fühlen oder wenn unsere Sinne uns trügerische Eindrücke vermitteln, dann sind diese Apparate wie neue Sinne von erstaunlicher Präzision.“ (MAREY 1878, S. 108)

Im Gegensatz zur Fotografie und Mikroskopie werden hier nicht Objekte sichtbar gemacht. Die Daten, die diese Aufzeichnungsinstrumente liefern, „sind Diagramme, Graphen, Bilder – Aufzeichnungen von Prozessen oder Ereignissen, die nur mittels mechanischer Sichtbarmachung realisiert werden können.“ (SNYDER 2002, S. 149) Es handelt sich hier um „mathematische Bilder“  (DASTON/GALISON 2002, S. 85), durch die Prozesse berechenbar und damit auch im Computer verarbeitet werden können.

Zu diesen automatischen Aufschreibverfahren zählen auch die Apparate zur Sichtbarmachung von Schallwellen, die durch Edison zum Phonographen weiterentwickelt wurden. Beim Phonographen wurden die Sprachsignale über ein Diaphragma auf ein mechanisches Hebelsystem mit Stichel übertragen, der eine Spur in einen Wachszylinder schnitt. Dadurch wurde erstmals die Speicherung und Wiedergabe von Tönen möglich und zugleich wurde damit die Grundlage geschaffen „für die digitale Weiterverarbeitung von Sprachsignalen. Sie dienen als Input für automatische Sprach- und Sprecherkennungsverfahren ebenso wie in der modernen Telephonie zur Codierung von Signalen.“ (DEUTSCH 2003, S. 150)

Literatur

BOECKMANN, KLAUS 1994: Unser Weltbild aus Zeichen. Zur Theorie der Kommunikationsmedien, Wien

DASTON, LORRAINE / GALISON, PETER 2002: Das Bild der Objektivität. In: Peter Geimer: Ordnungen der Sichtbarkeit. Fotografie in Wissenschaft, Kunst und Technologie, Frankfurt am Main, S. 29 – 99

DEUTSCH, WERNER 2003: Phonetik und Psychoakustik. In: Wilfried Seipel: Der Turmbau zu Babel. Ursprung und Vielfalt von Sprache und Schrift, Bd. II. Sprache, Graz, S. 135 – 150

MAREY, E. J. 1878: La méthode graphique dans les sciences expérimentales et particulièrement en physio-logie et en médecine, Paris

Abbildung aus: MAREY, E. J. 1878: La méthode graphique dans les sciences expérimentales et particulièrement en physio-logie et en médecine, Paris

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