Medienentwicklung: Neubewertung statt Verdrängung

PC, Laptop, Blackberry – der klassische Füllfederhalter ist am Ende. Oder doch nicht? Die großen deutschen Schreibgerätehersteller haben sich erfolgreich neue Nischen gesucht: Die einen bieten bunte Kinderfüller, die anderen Prunk-Federhalter für 20.000 Euro das Stück.  (SpiegelOnline 06.07.2008)

Abb. jetzt Süddeutsche Zeitung H.45 – 08.11.99

Das Rieplsche Gesetz
In seiner Dissertation „Das Nachrichtenwesen des Altertums mit besonderer Rücksicht auf die Römer“ stellte Wolfgang Riepl , Chefredakteur der Nürnberger Tageszeitung, 1913 fest, dass eingebürgerte Medien „niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt und außer Gebrauch gesetzt werden […], sondern sich neben diesen erhalten, nur dass sie genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen.“
Auch hier gilt, keine Regel bzw. kein Gesetz ohne Ausnahme. Ausnahmen wären z.B. der Stummfilm oder das Telegramm. Grundsätzlich in Frage stellen, lässt sich dieses Gesetz nur, wenn man von einem Medienverständnis ausgeht, bei dem die Technik im Sinne der jeweils eingesetzten Geräte und Apparaturen im Zentrum steht. Dies wird deutlich, wenn im „Dead Media Project“  im Internet die Laterna Magica als „totes Medium“ genannt wird. Geht man davon aus, dass die Laterna Magica, die Möglichkeit bot Bilder zu projizieren , dann ist dieses Medium nicht „ausgestorben“, sondern die genutzten Lichtquellen sowie der optische Aufbau der Projektionsgeräte haben sich vom 17. bis zum 20. Jahrhundert ständig verändert.

Zum Beispiel: Lesetechniken Mit dem 18. Jahrhundert wird  mit Ausnahme von unmittelbaren familiären und sozialen Beziehungen das stille Lesen zur dominierenden Lesetechnik.  Aus dem Übergang vom Lautlesen zum „Augenlesen“ zu schließen, dass damit das laute Lesen völlig verdrängt wurde, wäre falsch. Wie fast in immer in der Geschichte der Medien kommt es durch neue Entwicklungen nicht zu einer Verdrängung, sondern zu einer Ausdifferenzierung und Entmischung von Medienfunktionen.

„Seit der Aufklärung – in Deutschland seit Klopstock – experimentieren Autoren, Schauspieler, Vortragskünstler und Laien mit dem mündlichen Vortrag von literarischen Texten, durch lautes Vorlesen, Rezitieren, Deklamieren und Schauspielen. Das abstrakte Augenlesen wird durch eine Literatur für Stimme und Ohr ergänzt, die in Salon, Vortragssaal und Theater ihre eigenen Formen der Geselligkeit und sozialen Disziplinierung ausbildet. Gerade weil das laute Vorlesen nicht mehr dazu dienen muß, jene Menschen zu erreichen, die des Lesens unkundig sind, kann es zu einer Sprechkunst ausgebildet werden, bei der alles Gewicht auf die Art des Vortrags fällt, auf die besondere vokale Interpretation, die man einem durch stilles Lesen zumeist bekannten Text geben kann.“ (Meyer-Kalkus, S. 25)

Im weiteren Verlauf der Medienentwicklung gewinnt der mündliche Vortrag durch das Aufkommen der technischen Medien wie Schallplatte, Radio und Fernsehen sogar neue zusätzliche Bedeutung: „Scheinbar ältere kulturelle Techniken wie das laute Vorlesen und der mündliche Vortrag in geselligem Kreise werden unter neuen Bedingungen (etwa im Radio, Fernsehen und Hörbuch) gepflegt und zu einer Kunstfertigkeit gebracht, die sie in dieser Art früher nicht besaßen.“ (Meyer-Kalkus  S. 27)

Meyer-Kalkus, Reinhart (2001): Stimme und Sprechkünste im 20. Jahrhundert, Berlin
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