Eine Erfindung sucht ihre Anwendung (2) Fernkonzerte per Telefon

1891 – Ueber telephonische Musikübertragung
In dem auch in Deutschland viel gelesenen Buche des Amerikaners Bellamy „Rückblick aus dem Jahre 2000″ hat der Verfasser be­kanntlich eine Schilderung der Stadt Boston ent­worfen mit ihren Verkehrseinrichtungen am Ende des kommenden Jahrhunderts. Die telephonische Musikübertragung soll dann – so versichert uns Bellamy – zur Thatsache geworden sein. Jeder Bewohner Boston’s erhält nach Wunsch und Bedürfniss Musik in’s Haus geliefert. So wenig wir auch Bellamy’s Phantasiegemälde der zukünftigen socialen Entwickelung der Mensch­heit zustimmen können, in dem angeführten Punkte aber mag ihm die Zukunft möglicherweise zum Theil Recht geben. Das technische Problem ist ja heute schon vollständig gelöst.
Bis jetzt aber hört man – in Deutschland wenigstens – von derartigen Leistungen der werthvollsten und wunderbarsten Erfindung der Elektrotechnik – des Telephons – nur auf Elektricitäts-Austellungen. Die erste telephonische Musikübertragung brachte uns die Münchener Ausstellung im Jahre 1882. Die Länge der Leitung betrug damals nur einige Kilometer vom Hof­theater über das Telegraphenamt zum Glaspalast. Gleichwohl erregte der damalige Musiküber­tragungsversuch naturgemäss das allergrösste Auf­sehen. Denn das Wunderkind der Elektrotechnik – das Telephon – war uns überhaupt neu, und die bezüglichen amerikanischen Berichte, die schon Ende der siebziger Jahre herüber­kamen – hatte man im skeptischen Deutschland einfach für Humbug gehalten.
Im Verlauf der letztvergangenen Jahre aber, während welcher die Entfernung, auf welche ein regelmässiger Fernsprechverkehr eingeführt wer­den konnte, immer grösser wurde, ist auch das Publicum in Bezug auf telephonische Leistungen immer anspruchsvoller geworden. Und gegenwärtig, wo alle Welt weiss, dass man nun von Paris nach London sprechen kann, scheint den Besuchern der Frankfurter Ausstellung die That­sache, dass ihnen auf eine Distanz von 450 km die Klänge der Münchener Oper zu Ohr ge­bracht werden, nicht mehr besonders zu imponiren. Und dennoch ist dies eine staunenswerthe Leistung.
Aus: Prometheus : Zeitschrift für Technik, Wissenschaft und Industrie Nr. 93/1891, S. 646f.

1884 – Im Hörkabinett der Philharmonie zu Berlin
Das Telephon übermittelt […] nicht allein die Grundtöne, sondern auch alle Nebentöne, welche die Klangfarbe einer gesprochenen, gesungenen oder auf einem Instrumente erklingenden Note hervorbringen und so lag der Gedanke nahe, auch den Versuch zu machen, die Klangmassen eines vollständige besetzten Orchesters durch das Telephon von einem Orte nach dem anderen zu übertragen. Das erste derartige Experiment wurde während der elektrischen Ausstellung zu Paris mit größtem Erfolg angestellt, indem man die große Oper mit dem Ausstellungspalast telephonsch verband und für geeignete, im Orchester angebrachte Schallfänger Sorge trug. Bald darauf wurde in ähnliche Weise das Berliner Opernhaus mit dem Haupttelegraphenamt verbunden, aber nur Auserwählten ward der Zutritt in das Hörkabinett gestattet und später wurde in den Nebenräumen der Philharmonie in Berlin ein Hörkabinett eingerichtet, in welchem das Publikum die in dem Hauptsaale exekutierten Konzertnummern mittels Telephon vernehmen konnten. Da jedoch die Entfernung des Kabinetts vom Konzertsaale nur eine geringe ist, wo wurden mehrere Kilometer Draht, welche passend auf Rollen gewickelt waren, in die Leitung eingeschaltet um den Weg, den die Musik nehmen mußte, zu verlängern. An allen größeren Orten, wo elektrische Ausstellungen stattfanden bildeten die telephonische Musikübertragung ein Hauptanziehungspunkt und da jedes Orchester und jedes Instrument als Musikquelle dienen kann, handelt es sich hauptsächlich um die Einrichtung der von fremden Geräuschen und Lärm möglichst unbehelligten Hörkabinette.

Telefonkonzert Erste Daheim_Beilage Nr_17_1884

Unsere Illustration zeigt das Innere des Hörkabinetts und einige andächtige Lauscher, welche die Telephone möglichst nahe an die Ohrmuscheln halten, um keine Ton von dem Orchester zu verlieren, das der Künstler in voller Thätigleit dargestellt hat. Die Drähte, welche neben dem, in kleinem Formate gezeichneten Orchester ab der Wand herablaufen, führen nach den sogenannten Transmitter, welche in unmittelbarer Nähe des Orchesters angebracht sind, um die Schallwellen aufzufangen und dieselben in schwache, elektrische Ströme zu verwandeln, welche sich in dem Telephon wieder in Schallwellen – Töne – umsetzen.
E. Berliners Universal Telephon Transmitter prometheus Nr 93_1891 S_646Der Effekt ist ein überraschender, denn obgleich die Kohlenspitzen der Transmitter, welche durch den Schall in leichte Beegung versetzt werden, ebenso spitz sind wie geschärfte Bleistifte, so vermögen sie dennoch die gewaltigen Tonmassen selbst einer Wagnerschen Komposition ohne Verlust zu Gehör zu bringen. Freilich klingt die Musik gedämpft, als wäre der Hörer durch eine dünne Bretterwand von ihr getrennt, / aber es fehlt kein Ton und keine Klangwirkung bleibt aus, sobald für eine zweckmäßige Aufstelung der Transmitter in der Nähe der Instrumente Sorge getragen wurde. […] Wäre die telephonische Tonübertragung keine Thatsache, so möchte man geneigt sein, sie für ein Erzeugnis der Phantasie zu halten. Sie ist aber eine Realität und dabei dennoch so überraschend und anziehend, daß wir jedem, dem sich die Gelegenheit bietet, raten, das Anhören von Telephonkonzerten nicht zu versäumen.

Stinde, Julius: Ein Konzert per Telephon. Im Hörkabinett der Philharmonie zu Berlin. In: Erste Daheim-Beilage Nr. 17/1884
Abb. E. Berliner’s Universal Mikrophon-Transmitter aus: Prometheus. Zeitschrift für Technik, Wissenschaft und Industrie Nr. 93/1891, S. 646

1891- Telefonische Übertragung eines Konzerts von New York nach Massachusetts
Eine der interessantesten Entwicklungen auf dem Gebiet des Telefons ist die – inzwischen ständig stattfindende – Übertragung von Orchestermusik über weite Entfernungen. Wenn wir hinzufügen, dass Musikveranstaltungen stattgefunden haben, bei denen die Musik über eine Entfernung von nicht weniger als 460 Meilen übertragen wurde, wird klar, dass das Telefon, sofern zukünftig ähnliche Fortschritte wie in den letzten Monaten erzielt werden, einen wichtigen Platz in der öffentlichen und privaten Unterhaltung einnehmen wird.

fernkonzert

Scientific American 28. Februar 1891, S. 130

1891 – Elektrotechnische Ausstellung in Frankfurt am Main
Am Abend aber herrscht ein gewaltiges Gedränge bei der Uebertragung der Oper aus Frankfurt, noch mehr aber der aus München. […]

Fernkonzert Elektrotechnische Ausstellung Frankfurt am Main 1891_web
Opernübertragung per Telefon auf der Elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt am Main 1891

Einen reinen Genuß hat man bei diesen Opernübertragungen nicht; gewöhnlich machen sich in den Telephonen, mit denen man hört, störende Nebengeräusche, knackende und schnarrende Laute bemerkbar. Manchmal hört man die Musik nur sehr undeutlich und verworren, manchmal verschwindet sie / ganz, je nachdem im Orchester nur bestimmte Instrumente spielen, die weiter oder näher von dem Aufnahme-Megaphon entfernt sind, und je nach der Stellung der Sänger und Sängerinnen auf der Bühne. Sehr oft aber hat man doch minutenlang einen wirklichen Genuß, indem man auf die weite Entfernung voll und deutlich jeden Laut der Musik und des Gesanges hört. Diese Anfänge der Musikübertragung auf weite Entfernungen müssen eben als das aufgefaßt werden, was sie sind, als erste Versuche, die aber ganz unzweifelhaft dereinst noch zu einem sehr schönen Resultat führen dürften. Bewahrheitet sich die Nachricht, daß Edison auch noch die Möglichkeit gefunden hat, die schauspielerischen Vorstellungen auf weite Entfernungen hin elektrisch sichtbar zu machen, dann wird vielleicht die Zeit gekommen sein, in der in jedem Lande nur ein einziges Centralopern- und Schauspielinstitut besteht, von dem aus durch Leitungen alle einzelnen Orte und alle einzelnen Wohnungen mit den nothwendigen Quantum von Schauspiel- und Operngenüssen versehen werden können. (Klaußmann 1891, S. 23f.)

Klaußmann, Anton Oskar [1891]: Die Internationale Elektrotechnische Ausstellung in Frankfurt am Main. In:Illustrirte Zeitung Nr. 2505/1891, S. 23 – 24


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