1920 – Film und Wissenschaftliche Betriebsführung

Frank Bunker Gilbreth (1868 bis 1924) gilt neben Frederick Winslow Taylor als einer der Mitbegründer der Unternehmensphilosophie, die von ihren Befürwortern als Wissenschaftliche Betriebsführung oder in einer kritischen Sichtweise als Taylorismus bezeichnet wird.
…Mr. Gilbreth hat sein Leben nahezu vollständig der wissenschaftlichen Betriebsführung, den Bewegungsstudien und der Vermeidung von unnützem Aufwand gewidmet.“ (S. 2)
Bei seinen Bewegungsstudien in industriellen und handwerklichen Abläufen ging es Gilbreth darum, unnötige Bewegungsabläufe zu vermeiden. Er sah in der Filmkamera, mit der Möglichkeit auch schnellste Bewegungen festzuhalten, das ideale Instrument für seine Studien. Um den Zeitaufwand für die einzelnen Bewegungsabläufe exakt bestimmen zu können, entwickelte er eine mit der Kamera gekoppelte Uhr, so dass auf jedem einzelnen Bild die genaue Aufnahmezeit zu erkennen war.
Außerdem wurde der dunkel gehaltene Boden und Hintergrund des aufzunehmenden Arbeitsplatzes mit einem weißen Gitternetz markiert, so dass die Bewegungsabläufe in den Quadraten dieser Gitternetze genau festgehalten werden konnten.Diese Aufnahmen boten den Arbeitern die Möglichkeit, sich in ihrer Tätigkeit aus einer Außenperspektive wahrzunehmen.
Um seine Studien weiter zu perfektionieren, entwickelte Gilbreth eine Filmkamera, mit er ein und dasselbe Bild bis zu sechzehn Mal belichten konnte, und in weiterem Schritt ein Verfahren, mit der die Aufnahmen aus zwei Positionen so überblendet werden konnten, dass mit Hilfe der Gitternetze die Bewegungsabläufe dreidimensional rekonstruiert werden konnten. Hierzu befestigte Gilbreht an den Händen oder anderen wichtigen Körperpartien elektrische Lampen, wodurch sich die Bewegungsabläuf als Lichtspuren auf den belichten Filmen abzeichneten.

Da Gilbreth davon ausging, dass es kaum möglich war, aufgrund einer Filmvorführung eine klare Vorstellung von den tatsächlichen Bewegungsabläufen zu entwickeln, setze er die Ergebnisse seiner Studien in dreidimensionale Drahtmodelle um. Durch diese Drahtmodelle würde es Arbeitern möglich – so Gilbreths Annahme – zu begreifen, wie sich  ihre Bewegungsabläufe perfektionieren ließen.

„Bewegungen werden beobachtet, gemessen, zergliedert und nach rationalen Gesichtspunkten wieder zusammengesetzt. Die Medien wie Fotografie und Film hätten bei diesen Verfahren gar nicht eingesetzt werden können, wenn sie im Prinzip nicht selbst nach diesen Verfahren funktionieren würden. Was dem Menschen als Gesamteindruck oder geschlossenes Ablaufmuster in seiner Wahrnehmung entgegentritt, wird beim Film oder Fernsehen nach den Bedingungen des jeweiligen technischen Verfahrens in einzelne Elemente zerlegt und nach technischen Regeln resynthetisiert. Bei der Beschreibung dieser Bewegungsanalysen muss man heute unwillkürlich an Handhabungsautomaten und die Programmierung ihrer ‚Endeffektoren‘, also der Greifer und Werkzeuge, denken.“  (Wagner, W.-R.: Medienkompetenz revisited, München 2004, S. 96)

Abb. : Gilbreth, Frank B.; Gilbreth, Lillian Moller: Motion Study for the handicapped, London 1920

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Zur Mediengenealogie – Aufschreibsysteme

Bewegungen und Abläufe sichtbar machen

„Um 1800 trat ein neuer Typus wissenschaftlicher Instrumente in die Kabinette der Naturforscher ein, für den noch im gleichen Zug ein eigener Begriff geprägt wurde: Unabhängig von den bereits bekannten Suffixen, die für die experimentellen Apparate im Umlauf waren (etwa ‚-skop‘ oder ,‘-meter‘), trat nun der ‚-graf‘ seine besondere Konjunktur an und bezeichnete solche Instrumente, die, wie es die altgriechische Etymologie forderte, die Naturphänomene ‚aufschrieben‘ oder ‚aufzeichneten‘. Die ‚Grafen‘ veränderten nicht nur die Verfahren des mechanischen Schreibens, sondern auch der Bilderstellung, da sie meistens ohne oder nur mit einer geringen Beteiligung der menschlichen Hand ausgekommen sind. Zudem besaßen sie die außerordentliche Kapazität, schnell sehr viele Kopien von einem Original herstellen zu können. Diese mechanischen Instrumente, die für unterschiedliche Verfahren des Aufzeichnens, des Nachweisens und Einschreibens herangezogen werden konnten, wurden genau zu dem Zeitpunkt Bestandteil der Arsenale der Naturforschung, als die Messapparaturen der Experimentalforscher eine neue wissenschaftliche Rolle, Laboranwendung und Repräsentationskraft zugeschrieben bekamen.“

Robert M. Brain: Grafische Aufzeichnungsgeräte und wissenschaftlicher Modernismus, in: Stahnisch, Fank; Bauer, Heijko (Hrsg.): Bild und Gestalt. Wie formen Medienpraktiken das Wissen in Medizin und Humanwissenschaften? Hamburg 2007,  S. 130 f.
siehe auch:  Foto und Film als Mess- und Registrierverfahren


um 1779: James Watt, der Erfinder der Dampfmaschine, entwickelte einen Aufzeichnungsapparat, um die im Inneren des Kessels vom Dampf entwickelte Leistung grafisch zu messen. Über die Indikatoren werden die Bewegung des Dampfes in Diagrammform aufgezeichnet. Watt ging es dabei um die Effizienzsteigerung von Dampfmaschinen.

um 1880: Marey entwickelt die verschiedensten Mess- und Registrierverfahren, um die Grenzen der „mangelhaften Sinneswahrnehmungen“ zu überschreiten. Zu diesen Apparaturen zählten u. a.  Puls- und Herzschreiber, die mit einem Schreibstift und gleichmäßig bewegter Papierwalze arbeiteten. In diesen Maschinen zum Sammeln wissenschaftlicher Daten sah Marey neue Sinnesorgane: „Diese Apparate sind nicht allein dazu bestimmt, den Beobachter manchmal zu ersetzen und ihre Aufgaben in diesen Fällen mit unbestreitbarer Überlegenheit zu erfüllen; sie haben darüber hinaus auch ihre ganz eigene Domäne, wo niemand sie ersetzen kann. Wenn das Auge aufhört zu sehen, das Ohr zu hören und der Tastsinn zu fühlen oder wenn unsere Sinne uns trügerische Eindrücke vermitteln, dann sind diese Apparate wie neue Sinne von erstaunlicher Präzision.“ (Marey 1878,  S. 108)

um 1885: E. J. Marey entwickelte sein „Photographisches Gewehr“, um die Phasen des Vogelflugs festzuhalten. Im Lauf ist eine Kamera eingebaut. Die Platten sitzen auf einem drehbaren Zylinder und werden durch die Betätigung des Abzugs bewegt, so dass 16 Aufnahmen pro Minute möglich sind.  (La méthode graphique, Paris 1885)Die von Marey entwickelte Technik der fotografischen Reihenaufnahme bildete die technische Grundlage für die Chronofotografie.

um 1906: Kromarograph (automatischer Notenschreibapparat)

„Während der Phonograph die Möglichkeit bietet das gesprochene Wort oder Geräusche aufzuzeichnen, und die modernen Methoden des mechanischen Schreibens, also sowohl mit Hilfe der Stenografie als auch mit Hilfe der Schreibmaschine, es ermöglichen Sprache in derselben Geschwindigkeit grafisch festzuhalten, in der sie gesprochen wird, hat bisher ein Apparat zum Aufzeichnen der Noten, die von einem Musikinstrument produziert werden, gefehlt. Ein solcher Apparat wäre von grundlegenden Wert beim Komponieren, weil beim Übertragen der Komposition auf Papier viel Zeit verloren geht und damit kreative Kraft verloren geht.“ – Scientific American 1. Sept. 1906, S. 159

um 1914: Frank Gilbreth und seine Frau Lillian benutzten Zeitrafferaufnahmen zu Bewegungsstudien, um optimale Bewegungsabläufe an Arbeitsplätzen zu ermitteln.Bewegungen werden beobachtet, gemessen, zergliedert und nach rationalen Gesichtspunkten wieder zusammengesetzt. Die Medien wie Fotografie und Film hätten bei diesen Verfahren gar nicht eingesetzt werden können, wenn sie im Prinzip nicht selbst nach diesen Verfahren funktionieren würden. Was dem Menschen als Gesamteindruck oder geschlossenes Ablaufmuster in seiner Wahrnehmung entgegentritt, wird beim Film oder Fernsehen nach den Bedingungen des jeweiligen technischen Verfahrens in einzelne Elemente zerlegt und nach technischen Regeln resynthetisiert. Bei der Beschreibung dieser Bewegungsanalysen muss man heute unwillkürlich an Handhabungsautomaten und die Programmierung ihrer „Endeffektoren“, also der Greifer und Werkzeuge, denken.

Die Geschichte des Films beginnt vor dem Film!

Geht man bei Überlegungen zu Medien nicht von Technik im Sinne von Geräten und Apparatur aus, sondern hat die Medien als „Programme zur Aneignung von Welt“ im Blick, dann ergeben sich medienübergreifende Zusammenhänge, und es wird deutlich, dass die Medien als soziotechnische Systeme eine Vorgeschichte haben, ohne die sie nicht einzuordnen und zu verstehen sind.

Nebelbilder (Dissolving views)
N
ebelbilder werden in einem dunklen Raume auf einer weissen Fläche mittelst gewisser Apparate hervorgerufen.

Die nebelhafte Verschwommenheit, mit welcher jedes Bild zunächst erscheint, und mit welcher es auch, nachdem es sich auf kurze Zeit zu voller Klarheit entwickelt hat, allmälig wieder verschwindet, während gleichzeitig das folgende Bild hervortritt, gab denselben die Benennung, und gerade die Eigenthümlichkeit dieser Darstellungsweise bietet für Unterhaltung einen ungewöhnlichen Reiz.
Es wird wohl kaum Jemand geben, welchem derartige Vorführungen unbekannt wären, sei es auch nur aus dem einfachsten System – der gewöhnlichen Laterna Magica…

Der Nebel-Bilder-Apparat besteht aus zwei solchen Laternen, jedoch selbstverständlich in verbessertem Linsensatze und Ausstattung. Zuweilen werden auch solche Apparate aus drei Laternen zusammengestellt und mit dem Namen „Agioskop“ bezeichnet.

Darstellung.
Ein Eisenbahnzug, eine Schlittenfahrt, Schiffe, eine Procession, Wolkengebilde, ein Mondaufgang u. s. w. — alles dies darf nicht ruckweise vorgeführt werden, sondern muss sich im Gleichmasse bewegen. Die Bilder sollen jeder Laterne genau angepasst sein, damit nicht, wenn z. B. in einem Bilde ein Brand dargestellt werden soll, dass Feuer auf ganz unpassender Stelle erscheint und nun sichtbar dem betreffenden Gebäude zugeschoben wird. Der Blitz, eine der wirkungsvollsten Darstellungen, wird am besten in der Weise gegeben, dass man beide der dabei angewandten Laternen öffnet, den Kopf der einen jedoch, in welcher das Bild des Blitzes befindlich mit der Hand bedeckt. Durch zitternde Bewegung der letztern, welche nur wenige Lichtstrahlen durchlässt, wird das Wetterleuchten täuschend nachgeahmt. Momentanes wegziehen der Hand lässt dann und wann den vollen Blitz durch. Dauert jedoch dieser Moment so lange, dass man die Umrisse des gemalten Blitzes deutlich erkennen kann, so ist alle Wirkung verloren.

Mittelst eines s. g. Agioskops oder dreifachen Nebel-Bilder-Apparates lassen sich einige Effecte noch erhöhen.

In einer Herbstlandschaft beginnt es zum Beispiel zu schneien. Allmälig lässt man die dritte Laterne, in welcher das Winterbild befindlich, und welches genau die Herbstlandschaft decken muss, öffnen, wodurch scheinbar Häuser und Landschaft sich mit Schnee bedecken.

Bei einem Brande, wo sich das rotirende Feuer in der zweiten Laterne befindet, wird in die dritte das Bild der Ruine eingeschoben, durch deren allmäliges Erscheinen die Täuschung veranlasst wird, als ob das Gebäude niederbrennt. Bei fortlaufenden Traumbildern löst sich durch den dreifachen Apparat ein Traum in dem Andern im Hauptbilde auf, während bei dem zweifachen das Hauptbild so lange unverändert erscheint, bis das erste Traum¬bild entfernt und das folgende eingeschoben ist.
Sowohl die Darstellung des Feuers, als auch des Wasserfalls und der Fontaine müssen bei dem zweifachen Apparate aufhören, um dem folgenden Bilde Platz zu machen, während mit der dritten Laterne ungestört weiter gearbeitet werden kann.

Aus: Böhm, H. R.: Anleitungen zu Darstellungen mittelst der Laterna Magica und den Nebel-Bilder-Apparates, H. G. Voigt’s Buchdruckerei, Hamburg 1876, S. 5 f