1900 – Die multisensorische Illusion einer Schiffsreise

Das Maréorama

Weltausstellung 1900 in Paris. Im Unterhaltungsangebot finden sich viele Panoramen. In den klassischen Panoramagebäuden konnten die Besucher den 360-Grad-Rundblick auf berühmte Stadtansichten und Landschaften von einer Aussichtsplattform aus genießen.

Es gäbe zahlreiche „Panoramen“ auf dem Gelände der Weltausstellung, aber nicht alle seien gleich interessant, liest man in der Ausgabe der populärwissenschaftliche Zeitschrift „La Nature“ vom Juni 1900. Vorgestellt werden in der Zeitschrift „moving panoramas“. Das Neue und Interessante an diesen Medien sei, dass den Besuchern dabei der Eindruck vermittelt werde, er bewege sich durch die Szenerie oder Landschaft (La Nature 1990, S. 402 ff.). Die Landschaft „ziehe“ an den Besuchern vorbei, so wie sie Reisende aus einem Zugabteil heraus, vom Deck eines Kreuzfahrtschiffes oder aus dem Korb eines Heißluftballons erlebten.

Le Maréorama_La Nature 1900_ S. 68Unter diesen „moving panoramas“ verdiente nach der Zeitschrift „La Nature“ das „Maréorama“ besondere Aufmerksamkeit. Bei „moving panoramas“ bewegte sich bisher die Leinwand und der Zuschauer hatte den Eindruck, dass er sich bewegte, aber er spürte, dass sein Körper an der Bewegung nicht beteiligt war. Die Illusion war ganz und gar nicht perfekt. (La Nature 1900/2 S. 67) Das Maréoramar versprach dagegen ein multisensorische Erlebnis. Auf dem Deck eines Dampfers erlebte der Besucher eine Kreuzfahrt von Marseille nach Konstantinopel. Eine Vorrichtung sorgt für das Rollen und Stampfen des Decks. Rauchende Schornsteine und Dampfsirenen erhöhten die Illusion, während See- und Landszenen am Zuschauer vorüberzogen. Der Zuschauer erlebte Sonnenaufgänge, Nacht auf dem Mittelmeer und mit zuckenden Blitze und krachenden Donnerschlägen heraufziehende Unwetter. „Von Bord“ konnten Ansichtskarten mit Motiven der „Kreuzfahrt“ verschickt werden.

Im Verlauf der Reise wurde das Schaukeln des Schiffes stärker. Man hörte die Geräusche der Schiffschraube und der Dampfsirenen. Sogar Teergeruch lag in der Luft. Um die Illusion zu erhöhen eilten Besatzungsmitglieder über das Deck, um seekranken Passagieren zu helfen.Le Maréorama_La Nature 1900_ S. 69

Während der „Kreuzfahrt“ zogen an Back- und Steuerbord zwei Leinwände mit einer Länge von 750 Metern und einer Höhe von 13 Metern an den Zuschauern vorbei. Komplizierter Mechanismen waren erforderlich, damit die 10.000 Quadratmeter Leinwand auf beiden Seiten gleichmäßig und störungsfrei auf- und abgewickelt wurden. Nicht weniger aufwendiger war die Kardanaufhängung des „Schiffsdecks“, um die gegenläufigen Bewegungen des Rollens und Stampfens zu simulieren.

Quellen
La Nature. Revue des sciences et de leurs applications aux arts et à l’industrie: Les panoramas à l‘exposition II. Le maréorama, 1900/2 S. 67 – 69
Huhtamo, Erkki: Illusions in Motion. Media Aechaeology of the Moving Panorama and Related Spectacles, MIT 2013, S. 309 – 329
Abb.1 u. 2  La Nature. Revue des sciences et de leurs applications aux arts et à l’industrie, 1900/2 S. 68

 

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Highttech und populäre Musik im 19. Jahrhundert

Ein Beitrag zur Archäologie der Medienkultur

Die Gartenlaube H_25_1898

Leierkasten als Volkserzieher
Dem aufmerksamen Beobachter wird, wohl in allen Theilen unseres großen deutschen Vaterlandes in gleicher Weise, eine eigenthümliche Erscheinung auffallen. Wir meinen das gleichsam epidemische Auftreten eines volksthümlichen Lieblingsliedes aller Welt. Dasselbe verbreitet sich, meistens von einer großen Stadt ausgehend, strahlenförmig über ganze Provinzen, ja Länder, bis in die entlegensten Dörfer und Flecken derselben, wird von Alt und Jung in rastlosem Eifer gesungen und verschwindet dann wieder – um von einem neuen verdrängt zu werden. […]
[…] der Leierkasten muß dem niedrigsten Volksschichten gegenüber in aller Wahrheit als ein Lehrer, ein Erzieher betrachtet werden. Aus seinen politischen Liedern entnimmt der Bube seine ersten Begriffe und Anschauungen von der Welt: er zieht im Geiste mit hinaus nach Schleswig-Holstein und ruft mit seinen Beinchen auftrampelnd: „Up ewig ungedeelt!“ An den Liebesliedern des Leierkastens entflammen sich die ersten heißen und süßen Gefühle im Herzen des jugendlichen Dienstmädchens und willig wird auch der so sauer erworbene Groschen noch für die „fünf neuen Lieder“ dahingegeben, um die liebliche Worte sorgfältig nachstudieren zu können.
Leider ist aber der Leierkasten in neuerer Zeit vollständig in die Fußstapfen des Volkstheaters getreten, hat sich fast ausschließlich der Posse zugewandt und ist daher, fast überall, ebenso wie die Bühne, im Stadium des „höheren Blödsinns“ angelangt. […]
An die Humanität und Einsicht aller wahren Volksfreunde appellirend, mache ich auf diesen argen Mißstand nicht blos aufmerksam, sondern füge auch eine dringende Mahnung hinzu. Meines Erachtens ließe sich nämlich unendlich Segensreiches stiften, wenn in jeder Stadt wohlmeinende und befähigte Männer zusammentreten und Vereine gründen möchten, welche sich die Aufgabe stellen: die volkserziehenden Leierkasten, in billigster Weise, immer mit guten und volksthümlich gedichteten Lieder, namentlich nationalen und patriotischen Inhalts zu versehen. Sehr schwierig könnte dies Ziel wahrlich nicht zu erreichen sein – und welch reicher Segen würde daraus erblühen! […]

Gartenlaube Nr. 42/1865, S. 672

Der Leierkasten – ein Phänomen der Medienlandschaft des 19. Jahrhunderts
Bilder von Kriegsinvaliden, die in Berliner Hinterhöfen die Kurbel ihres Leierkastens drehen, lassen leicht übersehen, dass es sich bei der Verbreitung von populären Liedern mit dem Leierkasten bzw. der Drehorgel um ein typisches Phänomen der Medienlandschaft im 19. Jahrhundert handelt. Nicht nur Gassenhauer und Opern- und Operettenmelodien wurden auf diesem Weg schnell verbreitet, sondern das mobilisierende Potenzial der Musik wurde auch für politische Zwecke eingesetzt. Bei diesen mechanische Musikautomaten handelte es sich komplexe Instrumente, die in spezialisierten Werkstätten hergestellt wurden.

Der Leierkasten als „programmiertes“ Musikinstrument
Stiftwalze„Im Gegensatz zu einer manuell spielbaren Orgel mit einer Klaviatur wird die Ansteuerung der Töne durch einen Programmträger übernommen, der sich in der Spieleinrichtung befindet. Die älteste Form des Programmträgers ist die Stiftwalze. Diese ist seit dem Altertum bekannt. Anfang des 20. Jahrhunderts hat das Lochband bzw. der Lochkarton die Stiftwalze abgelöst. Eine Stiftwalze (meist auswechselbar) kann bis zu zwölf Musikstücke, verbreitet sind sechs bis acht Musikstücke, enthalten. Die Lauflänge des Musikstückes ist durch den Walzenumfang begrenzt. Durch austauschbare Lochbänder oder Lochkartons ist die Spieldauer und die Zahl der spielbaren Lieder fast unbegrenzt.“ (SWR Fernsehen)
Ihr Erwerb war mit so hohen Kosten verbunden, dass Drehorgeln zum Teil gewerblich verpachtet und verliehen wurden. Die Stiftwalzen mit den jeweils aktuellen Liedern mussten erworben werden. Der Verkauf von Flugschriften mit den Liedtexten bildete eine der Einnahmequellen der Drehorgelspieler (Vgl. Grosch 2014, S. 106f.)

Literatur
Grosch, Nils 2014: Die Drehorgel und die Eroberung des öffentlichen Raums durch populäre Musik im 19. Jahrhundert, in: Prügel, Roland (Hrsg.): Geburt der Massenkultur, Nürnberg, S. 106-109

1878 – Laterna Magica und Anschauungsunterricht

„In Amerika hat man diesen Vortheil schon längst erkannt…“
„Das transparente Glasbild läßt sich aber nicht bloß im Stereoskop verwenden, sondern auch in der Laterna Magica; es gestattet eine 12- bis 20fache Vergrößerung, und dadurch liefert es ein Bild, welches alle Vortheile einer Wandkarte besitzt. Wandbilder der Art ersetzen die kostspieligen und Nebebildapparate_ Liesegang_Die Projektions-Kunstungenauen Wandtafeln zur Darstellung von Thieren, Pflanzen, Mineralien, Felsformen, Landschaften; sie machen eigentlich erst den wahrheitsgetreuen Anschauungsunterricht möglich. In Amerika hat man diesen Vortheil schon längst erkannt. Jede größere Schule besitzt eine Laterna magica, oft deren mehrere und fast jedes naturwissenschaftliche Auditorium ist so eingerichtet, daß es in jedem Moment verdunkelt werden und die Darstellung der Schattenbilder beginnen kann.“
Vogel, Hermann Wilhelm: Die gegenwärtigen Leistungen der Photographie. In: Deutsche Rundschau Bd. 15/1878, S. 422

Gegen den Bilderkultus (1875)
„Es ist gewiß nicht zu viel behauptet, daß kaum eine Stunde vergeht, in der nicht Bilder oder wenigstens Tabellen vorgezeigt, daß viele Stunden durch Besprechung trivialer Bilder vergeudet werden, daß in mancher Stunde die Aufmerksamkeit der Schüler durch die Abbildungen in Fibel und Lesebuch abgeleitet wird, daß der immer mehr um sich greifende Bilderkultus einem oberflächlichen Halbwissen Vorschub leistet […].“
Vogel, August: Gegen den Bilderkultus. Eine wissenschaftlich-pädagogische Abhandlung, Gütersloh 1875, S. 17

1890 – Brieftauben für Deutsch-Ostafrika

 Meyers Konversations-Lexikon
„Die Brieftaube, eine Mischlingsrasse, fliegt in 4 Minuten 7,5 Kilom. Und kehrt aus 100 Meilen Entfernung zurück. Sie wird seit älteren Zeiten benutzt und war bis zur Erfindung des Telegraphen im Krieg und Handel (Kurstauben Rothschilds) von Bedeutung. […] seit der Belagerung von Paris wurden sie auch wieder für Kriegszwecke benutzt […].“

Meyers Konversations-Lexikon, 3. gänzlich umgearbeitete Auflage, Bd. 15, Leipzig 1878, S. 6

„Als Paris von den deutschen Truppen eng cerniert war, suchte man eine Verbindung mit der Provinz herzustellen. Von Paris aus ging dies sehr gut vermittels des Luftballons, aber man konnte nicht nach Paris hineinkommen, […]. Nachdem man eine Depeschenbeförderung auf die verschiedenste Weise versucht hatte, ohne zum Ziele zu kommen erinnert man sich der Brieftauben. […] Mit Hilfe der Photomikrographie wurden die Depeschen derartig verkleinert, dass man einer einzigen Brieftaube 40 000 Depeschen mitgeben konnte, welche in eine Federspule gesteckt wurden, die man an der mittelsten Schwanzfeder mit einem Seidenfaden bestetigte. […] Diese Erkenntnis brachte einen enormen Aufschwung des Brieftaubenwesens hervor. Silberne Medaille für Verdienste um das Militär-Brieftaubenwesen 1. Form 1893.jpg_tAlle grösseren Staaten, Deutschland, Frankreich, Italien, Oesterreich, Russland, Spanien, sowie die Vereinigten Staaten von Nordamerika haben Militär-Brieftauben-Stationen eingerichtet, in welchen Brieftauben speciell für Kriegszwecke und auf Staatskosten gezüchtet werden. […]
Auch für Kamerun und die deutsche ostafrikanische Colonie haben sich die Brieftaubenposten sehr nützlich erwiesen, und man hat dort bereits Brieftauben-Stationen eingerichtet.“

W. Hess: Die Taube als Briefbote, in: Prometheus. Illustrirte Wochenschrift über die Fortschritte in Gewerbe, Industrie und Wissenschaft, Nr. 89/1891, S. 579 f.
Abb.:  Die Medaille wurde an Züchter und verantwortliche Mitarbeiter im Militärdienst vergeben, die sich um das Brieftaubenwesen im Dienst des Militärs verdient gemacht hatten. – nach: http://www.ehrenzeichen-orden.de

 Brieftauben für Afrika
Um durch Brieftauben von einem Ort zu dem anderen Nachrichten zu schicken, muß folgendes eingehalten werden. Die einzelnen Brieftaubenstationen sollen gewöhnlich nur ungefähr 50 Kilometer von einander entfernt liegen. Jede Stationen muß von beiden Seitenstationen wenigstens je 10 Tauben vorräthig haben, um eine ankommende Depesche, ähnlich einer telegraphischen, sofort nach einer oder der anderen Seite weiter geben zu können. Die Nachrichten oder Depeschen selbst müssen auf dünnes Papier geschrieben sein, welches ähnlich dem telegraphischen Vordruck enthält, in welchem sich die Zeit sowie der Ort des Abgangs sowie die Bestimmung leicht einfügen lassen. Dieses Papier wird ganz fein zusammengefaltet und in eine kleine Gummihülse gesteckt, welche wie das Papier hierzu auf jeder Station vorräthig sein muß. Hierauf wird mit leichtem baumwollenen Faden die Hülse von dem geschlossenen Theile an zusammen mit dem / gefaltenen Papier derart leicht umwickelt, daß alle Luft entfernt ist und nichts zurückbleibt als die mit der Gummihülse noch umgebene Depesche.
W. Roeder: Die Brieftaube und die Art ihrer Verwendung zum Nachrichtendienst. Zusammengestellt für die Wißmann-Expedition nach Deutsch-Ostafrika, S. 16 f.

Schreibwerkzeuge – Die Stahlfeder

 „Die Entwicklung von Schreibtechniken ist in ein Netz technischer, gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen eingebunden. Am Gänsekiel, der von jedem Benutzer ohne technischen Aufwand präpariert und individuell zugeschnitten werden kann, ist der Bezug zu einer handwerklich und agrarisch geprägten Gesellschaft genauso augenfällig wie der Zusammenhang zwischen dem Aufkommen der Stahlfeder einerseits sowie der Industrialisierung und Massenproduktion andererseits.“ (nach Louis Mumford: Technics and Civilization, New York 1963, S. 110)
 A Steel Pen Exhibit At The Fair (1893)

Stahlfeder

Wenn man sich die Ausstellung der Esterbrook Steel Pen Company auf der World`s Columbian Exposition ansieht, begreift man sofort, dass selbst ein so kleiner Gegenstand wie eine einfache Stahlfeder zur Grundlage einer Industrie, der beachtliche Bedeutung zukommt, werden kann. Die Firma wurde 1860 gegründet. In den Fabrikanlagen in Camden, N. J., werden über 150 verschiedene Sorten von Esterbrooks Federn hergestellt, die ihren Markt in allen Teilen der Welt finden. […] Es handelt sich um eine Produktion, die nicht im kleinen Maßstab betrieben werden kann, da der Herstellungsprozeß aufwendig und kompliziert ist. Jede Feder wird vier bis fünf Mal hoher Hitze ausgesetzt und läuft durch vierzig bis fünfzig Hände bevor sie fertig gestellt ist. Die Qualität der Esterbrook Federn ist anerkannten Qualität. Dafür spricht ihre weltweite Popularität. Es ist eines Wunder der modernen Herstellungsprozesse, dass dabei die Kosten für diese heutzutage unverzichtbaren Gegenstände auf ein Minimum gesenkt wurden.

Scientific American 16.11.1893, S. 181

„Die World’s Columbian Exposition 1983 (auch The Chicago World’s Fair) war eine vom 1. Mai bis zum 30. Oktober 1893 in Chicago veranstaltete Weltausstellung, die neunzehnte ihrer Art. Die Ausstellung fand zum vierhundersten Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus statt.“

Zur Massenproduktion

„Seit 1830 wurden in der englischen Stahlfederfabrikation Schraubpressen benutzt, die denen ähnelten, die in der Knopfmacherei schon längere Zeit verwendet wurden. Mit diesen Stanzmaschinen konnten aus den möglichst dünn ausgewalzten Stahlbändern massenweise Stahlfedern (von einer Schnellpresse bis zu 28000 pro Tag ausgeschnitten werden.“ (1)

„Soll die Stahlfeder in der Volksschule die Herrschaft haben, oder die Gänsefeder?“(2)

In Kreisen der Lehrerschaft wurde über die Frage Stahlfeder oder Gänsefeder – man könnte sagen, wie immer bei Innovationen – kontrovers und sehr grundsätzlich diskutiert. Die Pro-Argumente beziehen sich auf die Zeit- und Kostenersparnis bei der Verwendung der gebrauchsfertigen und haltbaren Stahlfedern im Vergleich zu den den bis dahin verwendeten Gänsekielen, bei denen das Zuschneiden und Korrigieren eine gewisse Fertigkeit und mit Blick auf die Schülerzahlen einen hohen Zeitaufwand seitens der Lehrer erforderte.

Die Contra-Argumente beziehen sich auf Schwierigkeiten, mit der Stahlfeder „rasch und geläufig“ zu schreiben, auf die Verschlechterung der der Handschrift , weil man „zu stark drücken muß“, sowie auf die gesundheitlichen Schäden für das Kind durch die Benutzung der Stahlfeder.(3)

Gegen das Argument, das Schreiben mit der Stahlfeder führe zu einer schlechten Handschrift, findet man den Verweis auf die außerschulische Realität: „Ferner soll durch die Stahlfeder die Handschrift steif und ungefällig werden. Diese Behauptung widerspricht der Erfahrung geradezu. Man betrachte die Schriftzüge der auf den Komptoirs großer Handelshäuser arbeitenden jungen Leute! Und doch bedient sich selten Jemand eines andern Schreibmittels, als der Stahlfeder.“(4)

Bezogen auf die gesundheitlichen Schäden durch die Benutzung der Stahlfeder sprechen die Kritiker vor allem von Krampferscheinung und Nervenschäden: „Die Nachtheile, welche durch den Gebrauch einer Stahlfeder überhaupt, und einer schlechten insbesondere, für ihre Kinder entstehen, sind den Eltern mehrentheils unbekannt, und haben sich auch erst durch den Gebrauch und sorgfältige Beobachtung herausgestellt. Eine schwere Hand, Zittern in den Fingern, krampfhaftes Zusammenziehen des Daumes (Daumenkrampf) sind leider gewöhnliche Folgen des Gebrauchs der Stahlfedern beim ersten Schreibunterrricht. Rechnet man nun noch hinzu, wie sehr sich die Kinder dadurch verwöhnen und nachmals klagen, daß sie mit einer Gänsefeder gar nicht schreiben können, so sollte man billig in den Schulen beim Unterrichte den Gebrauch der Stahlfedern nicht gestatten, […]. Leider aber wird der schädliche Gebrauch von manchen Lehrern nur zu gern befördert, weil sie dadurch dem lästigen Federschneiden und Corrigiren derselben entgehen.“ (5)

Außerdem wird auch über Vergiftungssymptome diskutiert. Hierzu führt ein Befürworter der Stahlfedernutzung an: „Ich stelle nicht in Abrede, daß sich durch Berührung der Stahlfeder mit der Tinte Grünspan, oder andere Gifte erzeugen. Was schadet das aber? Kein verständiger Lehrer wird doch wohl die Unsitte dulden, daß die Kinder mit ihrem Munde (es soll schon vorgekommen sein) die Feder reinigen? So wären auch Gänsefeder nachtheilig; denn Tinte kann schwerlich der Gesundheit zuträglich sein.“ (6)

Der pädagogische Kompromiss zwischen Gegner und Befürwortern der Stahlfeder im Unterricht lief auf die Festlegung der Altersstufe hinaus, in der der Übergang vom Griffel zur Gänsefeder und dann zur Stahlfeder vertretbar sei.

Zitate
(1) Elisabeth Vaupel: Vom Gänsekiel zur Stahlfeder, S. 147(2) Die Stahlfeder in der Schule, in: Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung Nr. 52/1856, S. 377

(3) Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung Nr. 35/1856, S. 253

(4) Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung Nr. 52/1856, S. 377

(5) Ueber den Gebrauch der Stahlfedern beim Schreibunterricht, in: Schulblatt für die Provinz Brandenburg H.4/1845, S. 772 f.

(6) Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung Nr. 35/1856, S. 254

Exultet-Rollen – PowerPoint im Mittelalter

Für das einfache Stadtvolk und die Bauern waren im Mittelalter Bilder an und in den Kirchen zusammen mit der Predigt das wichtigsten Mittel ihrer religiösen Unterweisung. Eine besonders ausgeklügelte Methode, Bilder zur Unterstützung und Verdeutlichung der Predigt heranzuziehen, stellt die sogenannte Exultet-Rolle dar.

Bei dem oben stehenden Bild handelt es sich um den Ausschnitt aus einer solchen Rolle aus dem 12. Jahrhundert. Bei näherem Hinsehen stellt man fest, dass der Text am oberen Bildrand auf dem Kopf steht. Die oft über 6m langen Pergamentrollen enthielten eine Folge von großformatigen Bildern mit den dazugehörigen Texten. Der Prediger rollte sie von der Kanzel aus ab. Die Zuhörer betrachteten die Bilder, während er selben den Text vorlas.  Deshalb steht von den Bildbetrachtern aus gesehen, der Text auf dem Kopf.
Der Gebrauch liturgischer Schriftrollen war in der Römischen Kirche selten. Die Verwendung dieser liturgischen Buchrollen in Süditalien zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert ist wahrscheinlich  auf den Einfluss von Wandermönchen aus dem griechisch-byzantinische Kulturbereich zurückzuführen.
Die Bezeichnung Exultet-Rolle bezieht dabei sich auf ihre Verwendung in der Osterliturgie. Mit dem Jubelruf „Exultet“ (Es frohlocke) verkündete der Prediger die Auferstehung Christi. Die Bilder veranschaulichen den gesungenen Text des Exultet, indem sie diesen entsprechend der symbolisch-metaphorischen frühchristlichen Tradition illustrieren.

Bilder aus weiteren Exultet-Rollen: Museo Diocesano Bari

Ausflug in die Frühzeit der Massenmedien

 Den Haag

Den Haag – Panorama Mesdag

Ausschnitt des Panorama Mesdag

Hendrik Mesdag war 1866 bereits 35 Jahre alt, als er sich entschloss, den Beruf des Kunstmalers zu ergreifen. Im Mai 1881 begann er mit Hilfe einiger Kollegen die aus Belgien geliefert Leinwand von 14,4 Metern Höhe und 114,5 Metern Länge mit einem Panorama von Scheveningen zu bemalen. Am 1. August 1881 wurde Mesdags maritimes Panorama eröffnet. Schon 1885 ging das Panorama in Konkurs. Daraufhin erwarb Mesdag das Panorama selbst. Heute wird das Panorama als Familienunternehmen mit Non-Profit-Charakter betrieben.Dieser Ausflug in die Frühzeit der Massenmedien lohnt sich, denn dieses Panorama hat noch nichts von seiner Faszination verloren! Panorama Mesdag

 Die ersten Panoramen entstanden in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts, gerieten dann aber in Vergessenheit und wurden unter anderem aufgrund der Erfindung der Fotografie wiederentdeckt. (Daguerre, einer der Erfinder Fotografie, hatte als Panorama- bzw. Dioramamaler gearbeitet.) Das Panorama erlebte dann noch einmal in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine neue Blüte als der Fortschrit in der Webtechnik es erlaubt, breitere Bahnen zu weben, so dass größere Panoramen möglich wurden. Die Errichtung von neuen Panoramen wurde durch Aktiengesellschaften betrieben, deren Aktien u. a. an der Brüsseler Börse gehandelt wurden. In diesem Kontext entstand auch das Mesdag Panorama.Weitere Informationen zum Panorama als frühem Massenmedium
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 Meyers Konversationslexikon
 Panorama (griech., „Allschau, Allübersicht“), eine besondere Art von Landschaftsgemälden, welche theils durch die Totalität der Rundschau, theils durch die als Wirkungsmoment angewandte Bewegung des Standpunktes weniger auf den künstlerischen Schein als auf natürliche Illusion berechnet sind. Bei dem Landschaftsgemälde im gewöhnliche Sinnch ist nämlich der Standpunkt des Beschauers als fest angenommen, und es wird nur so viel von dem Natur-Sichtbaren dargestellt, als (das Auge als Spitze eines Kegels angenommen, dessen Winkel 900 beträgt) in den dadurch gebildeten Sehkreis fällt. Ein natürliches P. bietet sich dem Beschauer dar, wenn er, etwa auf einem hohen Berg stehend, sich allmählich im Kreis dreht und so die ganze Umgegend nach und nach an seinem Auge vorüberziehen sieht. Denkt man sich nun dieses Band, welches den Beschauer cylinderförmig umgibt, an einer Stelle von oben nach unten zerschnitten und der Breit nach auf eine gerade Fläche ausgebreitet, so hat man die Darstellung eines Panorama’s. Um dasselbe zu sehen, ist also eine künstliche Vorrichtung nöthig, wodurch die Bewegung des Nacheinander dargestellt wird. Dies kann auf doppelte Weise geschehen: entweder wird das Längenbild langsam vor den Augen des Beschauers vorübergezogen (Cyklorama) oder es bedeckt, in sich zurückkehrend , die Wand eines cylinderförmigen Raums, an welcher der Beschauer allmählich herumwandelt (eigentliches P.). Indem nun durch künstliche, dem Beschauer, der sich selbst im Dunkeln befindet, nicht direkt sichtbare Beleuchtung, sei es von oben durch koncentriertes Tageslicht, sei es durch Lampen, das Gemälde derartig in Wirkung gesetzt wird, daß es dem Natureindruck möglichst nahekommt, so entsteht jene Illusion, welche der eigentliche Zweck des Panorama’s ist und zuweilen noch durch künstliche Naturnachahmung atmosphärischer Erscheinungen, wie Donner, Regen, Schneefall und dgl., verstärkt wird. Die Panoramen sind von dem irischen Maler Robert Parker 1787 erfunden, welcher zuerst im kleinen mit der Ansicht von Edinburg machte und später in London eine 30 Meter im Durchmesser haltende Rotunde ausführen ließ…Meyers Konversations-Lexikon 3. Aufl, Bd. 3, Leipzig 1887, S. 534 f.