1897 – Der Spielzeugphonograph

Scientific American

 

 

Der Toy Phonograph – Das Spielzeug des Jahres

Wenn man Kinder unterrichten will, reicht es, sie zum Lesen einer Beschreibung der großen Toy Phonograph Sc American 10. April 1897 S. 230wissenschaftlichen Erfindungen wie des Telegraphen, des Telephons, des Phonographen usw. anzuhalten. Gleichwohl ist es sicherlich vorzuziehen, ihnen diese unterschiedlichen Apparate in die Hand zu geben, damit sie lernen, wie diese funktionieren.

Ganz einfache Apparate, die in der Lage sind, den Kindern eine allgemeine Vorstellung vom Telegraphen und Telephon zu geben, sind entwickelt und zu einem niedrigen Preis verkauft worden. Bislang existierte eine derartige Gelegenheit nicht für den Phonographen. Dank eines sinnvollen Geräts, das sehr einfach zu bedienen ist und relativ wenig kostet, werden Kinder in der Zukunft in der Lage sein, sich selbst zu vergewissern, daß die Wiedergabe der menschlichen Stimmte genauso einfach ist wie die eines Musikstücks mit Hilfe eines mechanischen Klaviers. Dies ist eines der Spielzeuge, die in diesem Jahr am meisten Erfolg hatten.

Scientific American 10. April 1897, S. 230

 

Buch der Erfindungen

Der Edisonsche Phonograph ist kein Apparat, der praktisch verwendbar ist

Von den Kosten des Apparates wollen wir zur Zeit absehen; diese würden bei Massenfabrikation sehr bald auf eine annehmbare Größe vermindert worden sein. Es gehört schon die Geschicklichkeit eines Mechanikers dazu, um den Apparat in regulärem Zustand zu benutzen; etwaige Fehler zu beseitigen, welche bei dem empfindlichen Mechanismus leicht vorkommen, liegt außerhalb des Könnens des großen Publikums, für welches der Phonograph berechnet sein sollte. Weiter ist es ein Mangel, daß die Walze nicht eben viel Worte aufnimmt; sie ist in wenigen Minuten vollgesprochen und eine halbwegs umfangreichen Korrespondenztätigkeit würde für den Tag schon eine beträchtliche Anzahl von Walzen benötigen. Endlich ist aber auch die Wiedergabe des Apparates keineswegs eine durchweg deutliche, und es werden unter Umständen recht unliebsame Mißverständnisse durch ihn veranlaßt werden. Was die Aufnahme von Reichstags- und gerichtlichen Verhandlungen angeht, so ist der Phonograph hierfür viel zu unempfindlich, und an eine solche Verwendung brauchen wir vorderhand nicht zu denken, bis ein besserer Apparat dieser Art erfunden sein wird. / Die Verwendung des Phonogramms an Stelle des Briefes würde die Versendung der Walze im Paket erheischen, wenn sich die Postverwaltungen nicht dazu herbeiließen, einen billigeren Tarif für solche Sendungen einzuführen, wozu sie vorerst kaum geneigt sein werden. […]

So ist der Phonograph teils ein interessanter wissenschaftlicher Apparat, teils ein Spielzeug und Demonstrationsobjekt für Schaubuden geblieben und in letzterer Beziehung hat er noch die meisten Erfolge errungen (siehe auch Berliner Illustrierte 1903). Der geschäftliche Wert des Phonographen nach dieser Richtung hin wurde von der amerikanischen Phonographengesellschaft auch bald erkannt, und dieser  Erkenntnis entsprang eines Wilke 1897 Der Puppenphonograph S. 594Verwendung des Apparates, welche demselben eine größere Verbreitung verschafft hat, nämlich für sprechende Puppen. Dem auf der Höhe der Zeit stehenden amerikanischen Kindern genügen Puppen, die nur ‚Papa’ oder ‚Mama‘ sagen und die Augen auf- und zuklappen, schon lange nicht mehr, und so kam Edisons Erfindung wie gerufen, um diesem Mangel abzuhelfen. Den Puppen wurde  in den Balg, der sonst mit schnöder Kleie ausgefüllt ist, ein Phonograph von primitiver Konstruktion […] gesteckt und auf die Walze desselben einige passende Worte gebracht, welche die Puppe nun unaufhörlich wiederholen konnte. Wie lange die Freude des Kindes an einem solchen Spielzeug dauert, wollen wir hier unerörtert lassen, können aber nicht umhin, auf einen weiteren Vorzug dieser sprechenden Puppen hinzuweise. Wenn nämlich Brüderchen Fritz, der wie alle Jungens in bezug auf Puppen bedenkliche Forschungsgelüste hegt, eine solche Puppe aufschneidet, so wird er hier wenigstens nicht wie bei den Puppen der Alten Welt durch den geistlosen Kleien- oder Werginhalt enttäuscht werden, sondern findet etwas Reelles, das er weiter kaputt machen kann.

Wilke, Arthur [1897]: Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe. Leipzig und Berlin: Otto Spamer, S. 592f.

Abb. Der Puppenphonograph: Wilke, Arthur [1897]: Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe. Leipzig und Berlin: Otto Spamer, S. 594

Schnurtelefon

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Medien werden zweimal erfunden

Edison führt in Paris seinen Phonographen vor (1889)

Ungleich manchen anderen Erfindungen des großen „Zauberers vom Menlo-Park“, des Amerikaners Edison, dem wir ja auch das Telephon und die elektrischen Glühlampen verdanken, hat sich der Phonograph bisher keinen praktischen Wirkungskreis zu erobern gewußt. Es ist mehr eine interessante Spielerei. (Berliner Illustrirte Zeitung 1903)

Edison über die mögliche Verendung des Fonografen (1878)

  1. Briefe schreiben und jede Art Diktat ohne Stenogramm.
  2. Fonografische Bücher, mit denen sich Blinde ohne Anstren­gung ihrerseits unterhalten können.
  3. Unterricht über Vortragskunst.
  4. Wiedergabe von Musikstücken.
  5. „Familienarchive“, nämlich Aufbewahrung von Äußerungen, Erinnerungen usw. von Mitgliedern der Familien in natürli­cher Stimme; letzte Kundgebungen Sterbender.
  6. Musikalische Spielzeuge, Spieldosen.
  7. Uhren, die in artikulierter Sprache Aufbruchs-, Mahlzeiten usw. ansagen.
  8. Sprachenfixierung durch genaue Wiedergabe der Aussprache.
  9. Erzieherisches: Aufbewahrung von Lehrern gegebenen Er­klärungen, so daß sich die Schüler jederzeit unterrichten können. Buchstabier- und anderer Unterricht, um das Ein­prägen zu erleichtern.
  10. Verbindung mit dem Fernhörer, so daß dieser in den Dienst der Übermittlung von Platten bleibenden und unschätzbaren Werts treten kann, statt bloß zur Mitteilung augenblicklicher und flüchtiger Dinge benützt zu werden.

Aus: Ford, Henry [1947]: Mein Freund Edison, Leipzig u. München: Paul List, S. 23
Abb. Listening to the phonograph at the Paris Exhibition: Scientific American 1889, S. 231

„Mit der Erfindung eines technischen Apparates hat eine Technik noch nicht den Weg in den alltäglichen Gebrauch gefunden und ist auch noch nicht die weitere Richtung ihrer Entwicklung vorgezeichnet. Unterschiedliche Nutzungsvisionen werden in verschiedenen Milieus der Gesellschaft entworfen und erprobt. Dabei prägen die dahinterstehenden kulturellen Konzepte der Kommunikation den Ausbau des technischen Systems.“
siehe Auf das Netz kommt es an!
Werner Rammert: Der Anteil der Natur an der Genese einer Technik: Das Beispiel des Telefons. In: Forschungsgruppe Telekommunikation (Hrsg.): Telefon und Gesellschaft. Beiträge zu einer Soziologie der Telefonkommunikation, Berlin, S. 94
Abb. Scientific American 1889, S. 231