Medialitätsbewusstsein (7) – Momentfotografie versus Wahrnehmung

Man kann kein technisches Informationsmedium verstehen, „wenn man nicht seine Beziehungen zu den natürlichen Möglichkeiten unserer menschlichen Organe reflektiert.“ (Giesecke 2002, S. 55f.)

„Das Ziel der Naturwissenschaft, die Bewegungen vollständig und auf die einfachste Art zu beschreiben, ist in Bezug auf die Bewegungen der Tiere nur in äußerst unvollkommener Weise erreicht.“ […] Die Gründe für dieses immer wieder von neuem eintretende Mißlingen sind sehr mannigfacher Art. Einige sind physiologischer, andere psychologischer Natur.
Erstere beruhen darauf, daß wir mit unserem Auge die Bewegungsvorgänge nicht klar aufzufassen vermögen. Wenn wir einem sich bewegenden Tiere mit dem Auge folgen, so sehen wir nicht einmal die Konturen eines einzelnen bewegten Teiles scharf, Wir sind zweitens, was die Auffassung der Bewegung des gesamten Tieres aufs höchste erschwert, nicht in im stande, die zahlreichen sich nebeneinander abspielenden Bewegungen zu gleicher Zeit zu beachten. Besonders stark tritt diese Unvollkommenheit unserer Beobachtung hervor, wenn es sich um die Auffassung schneller Bewegungen handelt.“ (Müllenhoff  1886, S. 388 f.)

„Selbst wenn unser Auge das denkbar vollkommenste optische Instrument wäre, selbst wenn es im stande wäre, den jeweiligen Zustand der Lage der einzelnen Teile ganz vollständig, ganz ohne irgend welche Abweichung und in unendlich kurzer Zeit aufzufassen, so würden wir dadurch noch immer kein vollkommenes Bild von den Bewegungen erhalten, denn wir sind weder im stande, die gemachten Wahrnehmungen zu fixieren, noch auch sie anderen gut mitzuteilen. In dem rasch wechselnden Spiele der Bewegungen verdrängt ein Eindruck den anderen, und vergebens strengt der Beobachter sein Gedächtnis ab, um sich jede Einzelheit der Vorgänge nachher zu reproduzieren. Ebenso scheitern alle Versuche, aus dem Gedächtnis durch Wort oder Bild anderen die Bewegungsvorgänge zu beschreiben.“ (Müllenhoff 1886, S. 391)

Tauben im Flug O. Anschütz Daheim Nr. 26_1885 S. 408

„Wie das Mikroskop und das Fernrohr die Grenzen der sichtbaren Welt räumlich erweiterten, so hat der phototgraphische Apparat die Schranken überwunden, die unserem optischen Apparat durch die Zeit gezogen waren. Durch die photographische Platte wird das thatsächlich Erfolgende erstens vollständig wiedergegeben und dabei frei von allen aus der subjektiven Thätigkeit des Beobachters resultierenden Hinzufügungen; es wird zweitens das einmal aufgenommen Bild fixiert und die Verdrängungen des einen Sinneseindruckes durch den nächstfolgenden verhindert. Die photographische Platte ist somit eine Netzhaut, welche die Eindrücke vollständig und rein aufnimmt und die einmal aufgenommenen Eindrücke nicht wieder vergißt.“ (Müllenhoff 1886, S. 394)

Abb. Tauben im Flug – O. Anschütz Daheim Nr. 26/1885, S. 408

Literatur
Giesecke, Michael [2002]: Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Müllenhoff, Karl [1886]: Die Momentphotographie im Dienste naturwissenschaftlicher Forschungen. In: Westermanns illustrierten Monatsheften Bd. 59/1886, S. 388 – 399

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